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So alt werden
Ich kannte Max Rottenberg nur im letzten Jahrzehnt seines
Lebens und somit nur als alten Menschen. Alt auf eine sehr
positive und vorbildhafte Art für mich im Sinne von angekommen,
von weise, von versöhnt.
Und dann bekam ich irgendwann die Gelegenheit, mich lange mit
ihm über sein Leben zu unterhalten. Ich suchte Eckdaten für
ein einseitiges Portrait im Greenpeace-Mitgliedermagazin "act"
und erhielt eine unglaubliche Lebensgeschichte facettenreich,
schillernd, entsetzlich nah an den Schrecken des 20. Jahrhunderts
aber auch an den Zeiten den Aufbruchs.
Als ich Max kennen lernte, erledigte das angesehene Mitglied
der jüdischen Gemeinde, der unermüdlichen Kämpfer für eine
andere Schule, der vielfache Vater und Großvater, einfache
Schreibtischarbeiten bei Greenpeace. Weil es für eine gute
Sache war. Und weil er sich gerne mit jungen Leuten umgab.
Unprätentiös, uneitel, humorvoll. So will ich alt werden. Danke,
Max!
Roman Kellner
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Max Tod betrübt mich sehr, für mich war Max eine der tollsten
Menschen, die ich die Ehre hatte (und immer noch habe) kennen
zu lernen. Soviel Leben, soviel Lebensweisheit, soviel erduldet
und doch mit erhobenem Haupt (und Geist) zu leben hat mich
immer beeindruckt.
Ein Mensch, bei dem ich das Wort "Vorbild", so oft
mißbraucht, so oft benutzt, aus vollem Herzen rausschreien
möchte.
Wenn ich so reif werden kann wie Max, dann habe ich ein gutes
Leben gelebt.
Möge er in Frieden ruhen, und in uns weiterleben.
Adieu Max!
von Thomas Wuchterl
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Lieber Max,
du hast viele Jahre auf deine ruhige und unaufdringliche Art
bei uns geholfen.
So nach und nach in den Kaffepausen, beim Essen, usw. hast
du von deinem Leben erzählt. Dass du 1938 vor den Nazis fliehen
musstest, von deiner Rückkehr nach Wien, der Arbeit als Lehrer,
dem Schulprojekt, das du als Direktor geleitet hast, ...
Es war beeindruckend dich zu erleben, und vielleicht am beeindruckendsten:
trotz aller schlimmen Dinge, die du erlebt hast, war kein Hass
zu spüren.
Im Gegenteil, du warst ein warmherziger, freundlicher, offener
Mensch. Bei dir war zu spüren, dass alt werden viel mit Weisheit,
Gelassenheit und Großzügigkeit zu tun hat. Der Ursprung deines
Namens kommt vom lateinischen "maximus", das bedeutet "großer" bzw. "der
größte". Max, dieser Name hat zu dir gepasst. Du warst
ein wirklich großer Mensch.
Ich bin froh, dass ich dich kennenlernen durfte.
Danke für alles!
Irmi Egger
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Mir fielen natürlich sehr viele Dinge ein, auch Dinge, die
mich und einige andere sicher sentimental werden lassen würden.
Oft hat er aber (mir zumindest...) Lieder von Heinrich Heine
vorgesungen. Weil die ihm so gut gefielen, und er ein großer
Fan war. Es gibt sehr viele schrecklich traurige Lieder und
Gedichte von ihm, in vielen davon geht es um den Tod. Es gab
ein Lied, das er mir öfter vorgesungen hat. Leider weiß ich
den Titel nicht mehr, sosehr ich auch darüber nachdenke.
Deswegen habe ich Max ein schönes Gedicht von Hermann Hesse
gewidmet, das (so finden ich und Lena) auch an ihn erinnert.
Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and're, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten!
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
(Hermann Hesse)
Bianca Müller, 20, seit 4 Jahren als Volunteer
im Greenpeace-Büro
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Ich erinnere mich, dass ich in meiner anfänglichen Zeit bei
Greenpeace ab und zu gemeinsam mit Max zu Mittag aß, als es
noch ein gemeinsames Mittagessen in der Bibliothek gab. Und
ich hatte das Vergnügen, seinen Erzählungen zu lauschen und
ein bisschen aus seinem langen und ereignisreichen Leben zu
erfahren. Er hat mich mit seiner Geschichte, seiner Bescheidenheit
und seinem unermüdlichen Engagement für Greenpeace sehr beeindruckt
am meisten hat mich seine immer freundliche Art berührt.
Persönlichkeiten wie ihn gibt es nicht viele ich bin sehr
froh, ihn kennen gelernt zu haben.
Barbara Schindler, ehem.
Fundraising
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In den 6 Jahren, die ich Max kennen durfte, habe ich nur wenige
Menschen getroffen, die so bescheiden aus dem Inneren geleuchtet
haben wie Max . Jedes Mal wenn ich ihn sah, hatte ich das Gefühl
ich begegnete einem Stück Zeitgeschichte und gleichzeitig auch
der Hoffnung, dass es Menschen gibt, die selbst das Schrecklichste
überleben. Und das gibt Hoffnung für die Zeiten, die noch kommen
werden...
Franko Petri, ehem. Pressesprecher
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Max ist tot. Er war ja schon alt, als ich ihn kennengelernt
habe - wie alt? keine Ahnung, alt halt. Und trotzdem gar nicht
alt. Wir waren gerade in dem dynamischen "wir sind jung
genug, um die Welt retten zu können"- Alter. Dieses "vorwärts,
packen wirs an, etwas muss weitergehen" - Alter. So zwischen
30 und 40. Das Alter, wo uns Max mit seinen damals 75 bis 80
-ich weiß es wirklich nicht mehr genau (alt halt) uns wirklich
und wahrhaftig sehr alt vorgekommen ist. Ein Kollege hat ihn
uns vorgestellt. Ob wir nicht etwas zu tun hätten für ihn.
Er wäre der Vater eines Bekannten, der nicht ausgelastet ist.
Geistig fit und so, er wolle sich halt noch nützlich machen.
Und dann war er dann da - und wir haben ihm halt was "zu
tun" gegeben. Etwas, von dem wir geglaubt haben, dass
er das wohl grade noch schafft - alt wie er ist. Im kleinen
Zimmer mit drei Leuten, da wurden wir redselig und neugierig.
Da haben wir ihn gefragt. Was man halt so fragt, wenn man höflich
Konversation machen will. Schnell haben wir dann nur mehr zugehört,
dem was er zu sagen, zu erzählen hatte. Nicht nur was - auch
wie. Die schöne, gewählte Ausdrucksweise, die angenehme Stimme.
Das Interesse, mit dem er allem Neuen "Modernen" begegnet
ist.: "Ich hab mir einen Laptop gekauft, damit ich mit
meinen Kindern im Ausland Kontakt per Email halten kann. Eine
tolle Sache". "Ich schreibe jetzt meine Erinnerungen
auf, natürlich am Computer. Und die Dateien werden verschlüsselt".
Bald war uns klar, dass er uns an Jugend und Dynamik um nichts
nachsteht. Er wurde für uns zum Vorbild - wenn wir alt werden,
dann auch so und nicht anders. Wir wollten auch nicht mehr
auf seine Gesellschaft verzichten, haben uns dann aber schon
für die wenig anspruchslose Tätigkeit, die wir ihm bieten konnten
entschuldigt. Ihm war das egal - er wollte an unserem Leben
an unserem Tun teilhaben. Er war dann ein fixer Bestandteil
unseres Teams und wir wurden nervös, wenn wir keine Arbeit
für ihn finden konnten. Bei der Weihnachtsfeier habe ich ihn
dann zum Abschied auf beide Wangen geküsst. Im Jahr darauf,
feierte ich meinen Abschied - Max hat sich vor mich hingestellt,
und gemeint, er wäre nur gekommen, um sich wieder zwei "Busserln" abzuholen,
weil: so junge Frauen (ich war 45) küssen ihn nicht mehr so
oft.
Lieber Max - ich schick dir heute wieder zwei Busserln und
danke dir von ganzem Herzen, dass du mir und vielen Anderen
gezeigt hast, wie schön und bereichernd es sein kann, älter
zu werden und alt zu sein.
Susanne Schreiber
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Kurze Biografie:
Dieses Leben auf einer einzigen Seite? Nicht mehr als ein
Versuch. Max wurde 1917 als Sohn jüdischer Eltern in Wien
geboren. Zehn Jahre später traf er in der Hauptschule
seinen damaligen Lehrer Oskar Spiel. Der Pädagoge gehörte
zum Kreis um Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie.
In verschiedenen Schulversuchen wandte Spiel die individual-psychologische
Methode an. Bei Max weckte der Reformer den Wunsch, „in
dessen reformatorischen Sinne Lehrer zu werden".
Doch zunächst kam der Krieg dazwischen. Im April 1938
begann eine abenteuerliche Flucht über Italien und Paris
nach Palästina. Einen großen Teil seiner Familie
hat Max nie wieder gesehen. Seine Mutter wurde im KZ Theresienstadt
ermordet.
Nach drei Jahren in einem Kibutz meldete sich der 25jährige
1942 bei der englischen Armee und nahm unter Montgomery am
Feldzug gegen Rommel teil. Beim Einmarsch der Alliierten in
Wien war Max in englischer Uniform dabei und lebte in seiner
Heimatstadt über ein Jahr lang als englischer Besatzungssoldat.
Ab 1947 konnte er endlich tun, was er immer schon angestrebt
hatte: Lehrer sein. Und immer wieder fand er sich in Versuchsprojekten
und Reformschulen wieder.
Zehn Jahre unterrichtete Max Deutsch und Geschichte an einer
Hauptschule, deren Direktor Oskar Spiel war. Dazu übte
er die neu geschaffene Funktion des Erziehungsberaters aus.
1970 übernahm er den Direktorsposten einer „integrierten
Gesamtschule": auch das wieder ein Schulmodell, das über
zwölf Jahre erfolgreich lief. Es war ein Schultyp für
zehn- bis vierzehnjährige mit verschiedenen Leistungsgruppen,
Förder- und Stützkursen, sodass Schüler jeder
Begabung gefördert wurden. In einer Umfrage hatten damals
achtzig Prozent der Schüler angegeben, gern in die Schule
zu gehen. Doch schließlich wurden die "pädagogischen
Anliegen parteipolitisch abgewürgt".
„Ich kann sagen, dass ich beruflich wirklich glücklich
war". Er erzählte von dem „Team sehr junger
und aufgeschlossener Lehrer", für die er „eine
Art Vaterfigur" war. „Es war ein Vergnügen,
vielleicht bin ich deshalb jetzt bei Greenpeace". Zwar
lief der Versuch nach zwölf Jahren aus, doch Max sieht
auch viel Positives: "Seither ist viel passiert. Das Teamdenken
hat zugenommen, Selbstherrlichkeit sowie Prestigedenken bei
Lehrern haben abgenommen."
1983 ging Max, Vater von fünf Kindern und auch Großvater
von sechs Enkeln, schließlich in Pension und begann sogleich
einen neuen Abschnitt: Er inskribierte Zeitgeschichte und Judaistik.
1992 stellte seine Tochter, die Schuldirektorin geworden war,
den Kontakt zu Greenpeace her. "Ich habe mir gedacht,
dass ich als freiwilliger Mitarbeiter etwas tun möchte
gegen die Zerstörung der Regenwälder oder die Gefahren
der Atomkraft."
Greenpeace zeigte damals Multivisionsshows zu verschiedenen
Umweltthemen an Schulen. Max übernahm die Koordination
mit den Lehrern und Direktoren. Die Kontakte hatte er ja. „Ich
war ein pädagogisches Zwischenglied zwischen Greenpeace
und Schulen in fast allen Bundesländern. Es verschaffte
mir innere Befriedigung, gleichzeitig tat ich mit dieser Tätigkeit
etwas gesellschaftlich und für die Umwelt Wichtiges."
Er kämpfte ein wenig mit seiner Gesundheit. Vor allem
das Hörgerät „beeinträchtigt die Lebensqualität
schon sehr". Doch Pessimismus passte so gar nicht zu Max.
Gerade erst hatte er sich ein Notebook gekauft und stand in
regem E-Mail-Kontakt mit Freunden in New York, Israel und England.
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